Dr. med. Stefan Schwind & Kollegen

 Allgemeines über die normale Geburt

 

Die auslösende Ursache für die Geburt ist noch unbekannt. Man nimmt an, dass bestimmte Hormonveränderungen am Ende der Schwangerschaft die Geburt in Gang setzten. In jedem Fall beginnt die normale Geburt zu dem Zeitpunkt, wenn das Kind optimal an das Leben außerhalb der Gebärmutter angepasst ist. Vorboten, die auf die nahende Geburt hinweisen, sind z.B. eine Senkung des Leibes, wodurch die Luftnot der Schwangeren zurück geht sowie eine Lagerungsveränderung des Kindes, bei der der Kopf in das kleine Becken eintritt. Bei Geburtsbeginn kommt es häufig zu einem Schleimabgang aus dem Gebärmutterhals (Cervix). Die Frau ist psychisch labil, schläft schlecht, hat einen verspürt einen verstärkten Druck auf Blase und Darm. Die Kindsbewegungen lassen nach und eine regelmäßige Wehentätigkeit alle 10 min für mindestens 2 Stunden ist zu beobachten. In dieser Phase springt die Fruchtblase und der Gebärmutterhalskanal fängt an sich zu erweitern. Obgleich die Geburt eine funktionelle Einheit darstellt, ist es für die Erläuterung günstig, sie in einzelne Abschnitte zu unterteilen:

 

  1. Eröffnungsperiode
  2. Austreibungsperiode
  3. Plazentarperiode
  4. Postplazentarperiode

Der Ablauf dieser Abschnitte der normalen Geburt ist im wesentlichen von folgenden Faktoren bestimmt:

  • dem Kind (Geburtsobjekt )
  • dem zurückzulegenden Weg (Geburtskanal )
  • den treibenden Kräften (Wehen ).

Die normale Geburt ist 2 Stunden nach Ausstoßung der Plazenta, d.h. des Mutterkuchens, beendet.

Definition

Eine Geburt wird als normal bezeichnet, wenn das Kind nach einer Schwangerschaftsdauer von 259 bis 293 Tagen und einer Geburtsdauer von 3 bis 18 Stunden aus der vorderen Hinterhauptslage (siehe unten) geboren wird. Hinzu kommt, dass die Fruchtblase während der Eröffnungsperiode springt, der Blutverlust der Mutter 500 ml nicht übersteigt und Mutter und Kind während der Geburt nicht wesentlich gefährdet sind.

Geburtsobjekt

Die Untersuchung der Schwangeren durch den Geburtshelfer, dies können ein Arzt oder eine Hebamme sein, erlaubt eine Aussage zur Lage des Kindes. Beurteilt werden dabei z.B. der Höhenstand der Gebärmutter, die Lage des Kopfes, die Achse in der sich das Kind befindet (längs oder quer). Der geburtshilflich wichtigste Teil, weil umfangreichste Teil des Kindes, ist der Kopf. Er kann sich nur wenig verformen und dem engen Geburtskanal anpassen. Wichtige Orientierungshinweise auf die Lage des Kopfes geben flächige Knochenlücken, die Fontanellen, die bei der inneren Untersuchung vom Geburtshelfer getastet werden können. Die hinter der Stirn gelegene große Fontanelle ist viereckig, wohingegen die am Hinterkopf befindliche kleine Fontanelle eine dreieckige Form hat. Der mit dem Kinn auf den Brustkorb gebeugte Kopf hat den kleinsten Umfang und benötigt den geringsten Raum. Wenn bei der Gebärenden die kleine Fontanelle (dreieckig) zu tasten ist, hat sich das Kind mit gebeugtem Kopf richtig im Geburtskanal eingestellt. Die übrigen Teile des Kindes sind besser verformbar und nehmen durch die während der Geburt wirkenden Kräfte die Form eines Zylinders (Geburtswalze) ein. Dabei liegen die Arme gekreuzt vor dem Brustkorb, die Schultern sind in Richtung des Halses nach oben geschoben und die Oberschenkel sind stark gebeugt, überkreuzt an den Bauch gepresst.


Entsprechend der Ausrichtung der kindlichen Körperachse zur Achse der Mutter unterscheidet man Längslagen (99,5% aller Geburten) sowieSchräg- und Querlagen (0,5% aller Geburten). Innerhalb der Längslagen gibt die Schädellagen und die Beckenendlagen (sehr selten). Aus den Längslagen ist eine normale Geburt möglich, während Schräg- und Querlagen gebärunfähige Lagen darstellen. In diesem Falle sollte die Frau bereits 2 Wochen vor dem Geburtstermin ins Krankenhaus aufgenommen werden.Abb.: Fetus in der 28. Schwangerschaftswoche

Geburtskanal

Der Geburtskanal besteht aus dem knöchernen Becken und einem so genannten Weichteilansatzrohr (Gebärmutterhals, Scheide, Beckenboden). Für die Geburtsmechanik am wichtigsten sind die knöchernen Verhältnisse im kleinen Becken. Der Beckeneingang ist queroval, die Beckenmitte ist rund und der Beckenausgang dann wiederum längsoval. Während der Passage des Geburtskanales passt sich das Kind durch eine schraubenartige Drehung diesen Vorgaben an. Die Weite des Beckeneinganges gibt vor, ob eine normale Geburt überhaupt möglich ist. Man orientiert sich hier am Abstand zwischen der Hinterkante des Schambeines und der Oberkante des Kreuzbeines der 11 cm betragen sollte. Unter der Geburt sind die Iliosakralgelenke und die beiden Schambeinäste durch hormonelle Einflüsse in gewissen Grenzen beweglich geworden. Diese Lockerung des Beckenringes kann den oben erwähnten Abstand um bis zu 1 cm vergrößern. Das Steißbein kann unter Geburt zusätzlich um ca. 2 cm nach hinten ausweichen.


 

Wehen

 

Die rhythmischen Kontraktionen der Gebärmutter während der Schwangerschaft werden als Wehen bezeichnet. Wehen die vor der 30. Schwangerschaftswoche auftreten, werden als Schwangerschaftswehen bezeichnet. Sie sind schmerzlos und werden von der Schwangeren als Verhärtung gefühlt. Nach der 30. Schwangerschaftswoche treten dann Vor- bzw. Senkwehen auf, die unregelmäßig vorkommen und leicht schmerzhaft sind. Sie bewirken eine Entfaltung der unteren Gebärmutteranteile und des Gebärmutterhalses. Der Übergang in die Geburtswehen während der Geburt ist fließend. Die Häufigkeit und Stärke der Wehen nehmen bei der normalen Geburt mit zunehmender Eröffnung des Muttermundes zu. Nach jeder Kontraktion kehren die Muskelfasern der Gebärmutter nicht mehr auf ihre ursprüngliche Länge zurück, sondern bleiben etwas verkürzt. In der Eröffnungsperiode werden 1-3 Wehen je 10 min, in der Austreibungsperiode bis zu 5 Wehen je 10 min beobachtet. Während der Eröffnungsperiode treten in der Gebärmutter Drücke von ca. 6,6 kPa (50 Torr) auf, wohingegen in der Austreibungsperiode durch die zusätzliche Mitwirkung der Bauchmuskulatur (Bauchpresse) Drücke bis zu 20 kPa (150 Torr) erreicht werden. Nach Beendigung der Geburt treten Nachwehen auf, die zur Ausstoßung der Plazenta führen.

Perioden der Geburt

Eröffnungsperiode Die Eröffnungsperiode beginnt mit dem Einsetzten einer regelmäßigen Wehentätigkeit und dauert bis zur vollständigen Eröffnung des Muttermundes. Sie dauert bei Erstgebärenden zwischen 10 und 12 Stunden, bei Mehrgebärenden ist sie auf 6 bis 7 Stunden verkürzt. In dieser Phase reißen die Eihäute ein (rechtzeitiger Blasensprung ). Durch den Blasensprung kommt es zu einer Sogwirkung am Kopf des Kindes, was zur Entstehung einer so genannten Geburtsgeschwulst führen kann. Diese harmlose Schwellung bildet sich innerhalb weniger Tage nach der Geburt zurück. Springt die Fruchtblase vor dem Einsetzen der Wehen, handelt es sich um einen vorzeitigen Blasensprung. Verzögert sich der Blasensprung bis in die Austreibungsperiode spricht man von einem verspäteten Blasensprung. Die meisten Frauen suchen in dieser Phase ein Krankenhaus auf oder rufen ihre Hebamme falls eine Hausgeburt geplant ist. Es ist die Aufgabe des Geburtshelfers, anhand der Befragung und Untersuchung der Schwangeren zu klären, ob eine normale oder eine Risikogeburt zu erwarten ist und die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen. Zur Vorbereitung der Geburt sollten folgende pflegerische Maßnahmen durchgeführt werden:

  • Darmentleerung (evtl. durch Einlauf)
  • Körperreinigung durch warmes Vollbad oder Dusche
  • Kürzen oder Rasieren der Schamhaare (Sitz von Keimen!)
  • Desinfektion der äußeren Geschlechtsorgane
  • bequeme Lagerung der Gebärenden

 

 

Austreibungsperiode Die Austreibungsperiode beginnt mit der vollständigen Eröffnung des Muttermundes und ist mit der Geburt des Kindes beendet. Bei Erstgebärenden dauert sie zwischen 60 und 75 Minuten, bei Mehrgebärenden verkürzt sie sich auf 20 bis 30 Minuten. Wenn der Kopf des Kindes so tief getreten ist, dass er auf die Beckenorgane drückt, wird der Pressdrang ausgelöst. Dieser Zwang zum Mitpressen während der Wehe treibt das Kind vorwärts. Die Austreibungsperiode ist die für das Kind gefährlichste Phase während der Geburt . Es sollten kontinuierlich, wenigstens jedoch nach jeder Wehe, die Herztöne des Kindes überprüft werden. Die Gefahr besteht in einer Verminderung der Sauerstoffzufuhr des Kindes durch eine verminderte Plazentadurchblutung sowie in einen erhöhten intrazerebralen Druck durch die Kompression des Kopfes infolge des hohen Widerstandes des Beckenbodens. Zu diesem Zeitpunkt kann ein Scheidendammschnitt (Episiotomie) notwendig werden, da er sowohl den Beckenboden vor Überdehnung und Zerreißung schützt als auch den Druck auf den kindlichen Kopf vermindert und die Austreibungsperiode verkürzt. In jedem Fall muss ein Dammschutz manuell durch die Hebamme oder den Geburtshelfer erfolgen, um ein zu schnelles Herauspressen des Kopfes zu verhindern, da die Druckentlastung des kindlichen Schädels langsam erfolgen soll (Gefahr von Hirnblutungen). Nachdem der Kopf geboren ist, folgt der Rumpf problemlos, da er einen geringeren Durchmesser als der Kopf aufweist und sehr gut verformt werden kann. Anschließend wird der Nasen-Rachen-Raum abgesaugt und das Kind abgenabelt.

Plazentarperiode Die Plazentarperiode beginnt mit der Geburt des Kindes und ist mit der Ausstoßung der Plazenta beendet. Diese Nachgeburtsperiode ist wegen der starken Blutungsgefahr der für die Mutter gefährlichste Abschnitt der Geburt . Die Nachgeburtswehen führen zu einer steten Verkleinerung der Gebärmutter, wodurch es zu einer Abnahme der Plazentahaftstelle kommt. Durch diese Flächenverschiebung löst sich die Plazenta von der Gebärmutter ab. Diese Loslösung beginnt vorwiegend zentral, seltener am Rand der Plazenta. Es gibt klassische Zeichen, die auf eine Lösung der Plazenta hinweisen:

Kantungszeichen nach Schröder : Die zuvor kugelige Gebärmutter wird schmal und kantig und steht mit ihrem Fundus 2 bis 4 Querfinger oberhalb des Nabels.

Nabelschnurzeichen nach Ahlfeld : Ein unmittelbar nach der Geburt in Höhe des äußeren Genitale an der Nabelschnur befestigtes Bändchen rutscht ca. 10 cm tiefer.

Lösungszeichen nach Küster : Drückt man oberhalb des Schambeines mit der Handkante die Bauchdecke ein, zieht sich die Nabelschnur nicht in die Scheide zurück.

Wenn sich die Plazenta vollständig gelöst hat, wird sie durch Mitpressen der Frau geboren. Dieser Vorgang dauert insgesamt ca. 20 Minuten. Reicht die Bauchpresse der Frau nicht aus, kann die Ausstoßung der Plazenta durch den Geburtshelfer durch Kompression der Bauchdecken von außen oder durch Zug an der Nabelschnur unterstützt werden. In der Plazentarperiode sollte ein Blutverlust von 500 ml nicht überschritten werden. Es ist heute immer häufiger die so genannte aktive Leitung der Plazentarperiode zu beobachten. Sie umfasst die medikamentöse Stimulation der Nachwehen bis zur Ausstoßung der Plazenta und daran anschließend die medikamentöse Unterstützung der Dauerkontraktion der Gebärmutter, um eine Blutstillung zu erreichen. Auf diese Weise verkürzt sich die Plazentarperiode auf ca. 10 Minuten und der Blutverlust kann im allgemeinen auf 200 ml reduziert werden. Sehr wichtig ist die Überprüfung der Plazenta auf Vollständigkeit, da in der Gebärmutter verbliebene Reste zu schweren Blutungen und Infektionen führen können.

Postplazentarperiode Nach der Ausstoßung der Plazenta sollte die Frau noch für ca. 2 Stunden beobachtet werden, erst zu diesem Zeitpunkt gilt die Geburt als beendet. In dieser Zeit wird die Blutstillung in der Gebärmutter überwacht. In jedem Fall ist eine Untersuchung der Weichteile des Geburtskanales (Gebärmutterhals, Scheide, Beckenboden, Damm) zu empfehlen, um Verletzungen frühest möglich zu diagnostizieren und zu behandeln.

 

 

 

 

 

 

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